Eigentlich war alles gesagt, nachdem Malte Welding seinen Artikel in der Berliner Zeitung geschrieben hatte. Dort legt er dar, wie wenig “deutsch” seine Familie ist und wie bekloppt aus seiner persönlichen Biografie heraus die Argumente aus “Deutschland schafft sich ab” von Herrn S. sind.
Eigentlich wäre sowieso alles gesagt dazu, wäre da nicht dieser neuerliche Hakenschlag mit der Grundschullehrerin. Da spätestens dachte ich, jetzt sag ich was dazu.
Denn anders als Malte habe ich astrein überhaupt kein einiges deutsches Gen. Kein einziges. Meine Gene stammen vom Balkan und der östlichen Türkei, nichtmal in Deutschland gezeugt bin ich. Importware allererster Güte sozusagen.
Aufgewachsen bin ich nach allerhand Umwegen in einer – und jetzt kommts – deutschen Familie, Mutter Buchhalterin, Vater Mathelehrer am Gymnasium.
Nach Herrn S. Theorie hätte ich mich im Kindergarten prügeln müssen (gut, das habe ich reichlich), in der Grundschule verhaltensauffällig sein (das gelang streckenweise) und letztlich als Kopftuchmädchen frühverheiratet und mit abgebrochener neunter Klasse enden.
Warum nur geschah das nicht?
Könnte es am bildungsnahen Umfeld gelegen haben?
An Lehrern, die mich einfach genau so behandelt haben wie alle anderen Kinder (obwohl ich meinen türkischen Mitschülerinnen verflixt ähnlich sah)?
An Eltern, die mich gegen meinen Willen zur Musikschule geschleppt haben?
(Übrigens auch in alle katholischen UND evangelischen Gottesdienste, ich würde also eine gewisse Religiosität konstatieren).
An einer Mutter, die geduldig so lange meine schönen weißen Buchstaben von der Schiefertafel (das gabs damals noch) gewischt hat, bis ich m und n leidlich unterscheiden konnte?
Könnte es also schlicht daran gelegen haben, dass meinem Umfeld das Abitur wichtig war (und mir irgendwann auch)?
Gut, das war eine deutsche Familie.
Schauen wir in meine türkische.
Mein Vater kam Ende der Sechziger mit seinem Bruder nach Deutschland, und musste wieder dorthin zurück wegen seines Militärdienstes. Der Bruder blieb hier. Hatte mehrere Kinder. Und alle Kinder, auch Mädchen dabei, haben in den Achtzigerjahren – nun? – Abitur gemacht.
Woran lag denn nun das wieder, wo diese Kinder zusätzlich zu ihren Genen auch noch im ganz anderen, womöglich religiösen Umfeld aufgewachsen sind?
Es lag – und das ist der Knüller dieser Geschichte – auch an meinem deutschen Vater. Der war nämlich, ohne dass wir das wussten, der Mathelehrer meiner türkischen Cousins und Cousinen.
Wie kamen diese Kinder aber ans Gymnasium?
Weil es damals
a) noch Aufbaugymnasien gab, da konnte man aus siebten Klassen der Haupt- und Realschulen in eine achte gymnasiale Klasse wechseln, und
b) einen Hauptschuldirektor, der in Anzug und Krawatte bei meinem türkischen Onkel erschienen ist und ihm nahegelegt hat, seine Kinder auf diesen Weg zu schicken.
Man sieht also an dieser kleinen internationalen Familiengeschichte, wie bekloppt das ganze Buch von Herrn S. ist. Ist Ihnen aufgefallen, wie oft hier Lehrer vorkamen, die sich einsetzen?
Die werden nämlich gerne vergessen. Ich will nicht wissen, wieviel Lebenswege dank der Fähigkeiten von Lehrern außerhalb ihrer Klassenräume geradegedengelt worden sind.
Ich finde es schon als Privatmensch unsäglich, mir die “Argumente” von einer Lehrerin wie Frau S. anzuhören, wenn sie unser schönes deutsches Bildungsniveau im Niedergehen begriffen sieht, (Subtext: weil es zuviele Migranten gibt). Wie muss es da all den vielen Lehrern und Lehrerinnen gehen, die sich für ihre Schüler einsetzen?
Übrigens: Grundschuldirektoren, die persönlich bei Eltern erscheinen, um sie inständig zu bitten, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken, kamen auch in der Biografie eines mir sehr gut bekannten höchstdeutschen Mitmenschen vor.
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Mit dieser Argumentation, guteste Frau Ziefle, schreiben Sie aber keinen Bestseller, werden nicht für die CDU gewählt, und durch höchstens zwei Talkshows gereicht.
Ich trage in letzter Zeit wieder besonders gerne mein T-Shirt mit dem Aufdruck “Gastarbeiterkind” in der Muckibude (einzige Gelegenheit, bei der ich überhaupt T-Shirt trage). Wir müssen uns sichtbar machen, damit die negativen Ausreißer nicht für repräsentativ gehalten werden.
Liebe kaltmamsell, aber das ist doch das Dilemma: bin ich denn nun ein Gastarbeiterkind oder nicht?
ganz Hamletesk. “Bin ichs, oder bin ichs nicht”
Gelten die Gene und die Geburt? Die Muttermilch?
Oder diejenigen, die die Schulzeugnisse unterschrieben haben?
Darüber schreibe ich im übrigen meinen aktuellen Bestseller
Was ist ihre Meinung dazu?
Mein Gedankengang geht so: Wären wir straffällig oder von Staatsgeldern abhängig oder wären wir von unserem Bruder wegen unseres liederlichen Lebenswandels erstochen worden – dann würde das sofort mit unserer Herkunft in Verbindung gebracht worden. Also drehe ich den Spieß um und bringe alles Positive damit in Verbindung – genauso undifferenziert.
@kaltmamsell
ja, das ist wahr.
[...] Ziefle leistet ihren Beitrag zur Integrationsdebatte: “Nach Herrn S[arrazins] Theorie hätte ich mich im Kindergarten prügeln müssen (gut, das [...]