Bei D64 ist vergangene Woche ein Diskussionsbeitrag zum Thema Urheberrecht erschienen, und hier ein Kommentar dazu von Ulf Schmidt.
Ich möchte gerne um eine Betrachtung ergänzen.
Ich wünsche mir nämlich den autonomen und informierten Urheber. Einen, der nicht nur sein Werk hestellt, sondern Bescheid weiß über seinen Markt, die Vertriebswege und mögliche Partner, mit denen er sein Werk zum Kunden bringen will.
Ein Musiker wird also eine andere Aufgabe haben als ein Maler, als ein Autor.
Und innerhalb der jeweiligen Gewerke, wenn ich das so nennen darf, wird man wieder, um einer Wahrheit näher kommen zu können, unterscheiden müssen. So kann ich, ausgehend von den heutigen Bedingungen, den wissenschaftlichen Autor aus dem Beispiel bei Ulf Schmidt nicht vergleichen mit Sachbuchautoren oder belletristischen Autoren. Alle haben verschiedene Märkte zu bedienen und benötigen daher verschiedene Lösungen. Das wird nur sehr leicht vermischt, so dass man schnell liest, man müsste Geld mitbringen, um publiziert zu werden, und wenn man publiziert wird, streicht der Verlag, die gefräßige Contentmaschine, alle Einnahmen weg.
Dem ist nicht so. Verlage, die Geld verlangen, sind unseriös und niemals zu empfehlen. (Es sei denn, man möchte unbedingt seine 300 s/w Bilder vom heimischen Gemüsemarkt verlegen lassen… nun… dann könnte es sein, dass man dies aus der eigenen Tasche bezahlen muss.)
Der autonome Urheberrechteinhaber. Muss Bescheid wissen über das, was er geschaffen hat oder schafft, muss seinen Markt kennen (siehe die Gemüsebilder), muss seine Partner kennen – die Verwerter.
Er muss wissen, was aus seinem Werk gemacht werden kann. Hat er einen Roman geschrieben, geht es um Ausstattungsfragen und Platzierungen im Handel, um Marketing, um eine nachfolgende Taschenbuchausgabe, um Ausgaben in anderen Sprachen, Filmrechte, Merchandising…. kann man das als Autor alles alleine stemmen?
Könnte es nicht vielmehr so sein, dass ein Verlag, der bekanntermaßen ellenlange Rechteparagrafen in seinen Verträgen hat, diese Abtretungen braucht, um überhaupt im oben genannten Umfang für den Autoren tätig zu werden? Ist es also wirklich so, dass ein Autor alles abtreten muss, damit er überhaupt puliziert wird? Ich glaube nein. Ich glaube, das sieht so aus, weil es nicht genügend kommuniziert wird, auf welcher Basis man miteinander arbeiten kann. Viele Autoren wissen das nicht und Verlage machen es so, wie sie es immer schon machen. Gibt es Neuerungen auf dem Markt, werden die kurzerhand in den Vertrag aufgenommen. eBooks? Das ist irgendwie was Digitales, lassen wir uns die Rechte dafür vorsorglich mal geben, wer weiß wo das mal hinführt, sicher ist sicher.
Der heutige Autor fühlt sich wie nach einem Sektenbeitritt, wenn er die dicken Verträge unterschrieben hat. x Jahre diese Rechte, x Jahre diese, wenn nicht dann y, andernfalls z. Gestaffelte Preise und Verkaufszahlen in schwindelerregender Höhe, 30.000 Stück? Echt? Naja, Papier ist geduldig.
Der heutige moderne Autor hat eine Agentur. Die hat sein Manuskript schon im Vorfeld gelesen, eventuell verbessert, eventuell ein Gutachten erstellen lassen. Die Agentur kennt den Markt, muss sich der Autor schon keinen Kopf mehr machen, dass er sein Manuskript dem falschen Lektorat schickt – ein uferloses Thema in Autorenforen, Geheimwissen schon fast. Das falsche Lektorat bedeutet nämlich unweigerlich: Absage.
Die Agentur bietet nicht falsch an. Sie kennt die Programme, sie kennt die Planungen, sie weiß, welche Themen angesagt sind, kennt die Termine der Programmkonferenzen – neues Geheimwissen.
Die Agentur prüft die Vertragsentwürfe, die moderne Agentur hat selber welche – ein untrügliches Zeichen für eine beginnende Machtumkehrung.
Der moderne Autor rennt also nicht blindlings selig mit egal welcher Vertragssituation in sein lebenslanges Publikationsglück.
Der moderne autonome Autor sucht sich aus den Akteuren diejenigen aus, die am besten zu seinem jeweiligen Projekt passen. Er tritt nicht jedes Recht ab, vielleicht kann er eBook besser selber oder kennt jemanden, der jemanden kennt. Vielleicht will er die Filmrechte lieber selber an den Mann bringen, weil er sich damit auskennt? Bestimmte Sprachausgaben will er auch lieber selber verhandeln – warum nicht?
Vielleicht macht er sogar alles so wie Amanda Hocking – und wird reich, reicher und reicher, weil er einen neuen Weg gefunden hat, zu publizieren: das Internet. Amanda Hocking hat bekannterweise ihre ersten Romane, die über Jahre entstanden waren, bei amazon selbst publiziert und einen unglaublichen Erfolg gehabt damit. Und heute? Heute hat sie einen Verlagsvertrag, und zwar aus diesen Gründen:
Sure, Hocking has got rich, quickly. But what about the nine years before she began posting her books when she wrote 17 novels and had every one rejected? And what about the hours and hours that she’s spent since April 2010 dealing with technical glitches on Kindle, creating her own book covers, editing her own copy, writing a blog, going on Twitter and Facebook to spread the word, responding to emails and tweets from her army of readers? Just the editing process alone has been a source of deep frustration, because although she has employed own freelance editors and invited her readers to alert her to spelling and grammatical errors, she thinks her ebooks are riddled with mistakes. “It drove me nuts, because I tried really hard to get things right and I just couldn’t. It’s exhausting, and hard to do. And it starts to wear on you emotionally. I know that sounds weird and whiny, but it’s true.”
[Quelle: http://www.guardian.co.uk/books/2012/jan/12/amanda-hocking-self-publishing]
Halten wir also fest: Um ein Buch auf den Markt zu bringen, sind eine Menge Dienstleistungen nötig, die momentan, inklusive des Lektorates, noch bei Verlagshäusern gebündelt sind. Diese tun für ihren Anteil am Geld im belletristischen Idealfall also sehr viel für ihre Autoren. Worauf ich hinauswill ist: ich wünsche mir wesentlich mehr Autoren, die zum Thema Urheberrecht ihre Stimme erheben, denn allzu häufig klingt es in meinen Ohren so, als würden nur diejenigen sich zu Wort melden, die ein Klagelied parat haben, und das verzerrt das Bild.
Autoren müssen ihre Rechtelage kennen, und alle diejenigen, die das Urheberrecht reformieren wollen müssen sich klar sein, dass sie in Wirklichkeit die Handhabung der Verwertunsgrechte meinen. Und Verlage sollten dazu übergehen, nicht nur in Einzelfällen Autoren als ihre Partner anzusehen, denn wer weiß wie lange das noch so geht, dass Autoren dankbar sind für ihre Verträge. Ganz bald könnte es vielleicht umgekehrt sein.

[...] “Der autonome Urheber” (22.1.2012, Pia Ziefle, “Denkding”) [...]
[...] “Der autonome Urheber” (22.1.2012, Pia Ziefle, “Denkding” [...]