Freiheit trotzt dem Netz

21. November 2009
By Frau Stricktier


Frank Schirrmacher hat im SPIEGEL geschrieben. Über seinen Kopf im Besonderen und die Auswirkungen des Informationszeitalters im Allgemeinen. Er malt in groben Strichen ein Bild des ausgesaugten, darwinistisch, marxistisch und tayloristisch überlisteten Gegenwartsmenschen, dem womöglich nichts anderes übrigbleibt, als der von ihm selbst gefütterten Cloud, der zusammengelegten Intelligenz beim Denken zuzusehen, denn das selbstständige Denken würden wir abgeben an Maschinen und Algorithmen.
Verwegen.
Und widersprüchlich. Was Schirrmacher darstellt als einen Mechanismus der sich logisch ergibt aus der Nutzung von Computern, Internet, Mobiles und all der Inhalte, sozialen Netzwerken, der Auslagerung von Dateien in die Cloud, der Kommunikationswege, ubiquitous Computing also, ist in Wirklichkeit ein Resultat von einzelnen willentlichen Handlungen einzelner Subjekte. Ich bin nicht zwangsläufig ein Opfer von alltäglichem Datenwahn, wenn ich ein Handy besitze oder Word aufmache. Ich bin dem Internet und all seinen Informationen nicht schutzlos ausgeliefert, wenn ich den Internet Explorer öffne. Da springen mich keine Nachrichten aus Bangladesh an – ich muss sie suchen.

Das wiederum, so Schirrmacher weiter, sei der nächste Schritt. Der Schritt in die Berechenbarkeit. Weil wir als Kunden agieren, als Kommentatoren vielleicht. Als Blogger. Als Suchmaschinennutzer. Wir werden berechenbar, weil es Maschinen gibt, die aus meiner Handlung a und meiner Handlung b eine Prognose für Handlung c stellen können. Können. Nun. Ist das das Ende der Freiheit? Gab es in der Menschheitsgeschichte nicht genügend gesellschaftliche Konstellationen, wo man aus Situation a (“Erstgeborener”) und Situation b (“Sohn eines Schneidermeistes”) ziemlich genaue Prognosen für ein zukünftiges Leben ableiten konnte?
Funktionieren solche Interpretationsmuster nicht immer nur am Anfang einer Kulturrevolution? Sind Menschen, die in Buchhandlungen gehen, denn heute noch Besonders? Besonders gefährlich vielleicht? Oder besonders klug? Ich fürchte – beides nicht.
Musste man den RorschachTest nicht unlängst beerdigen, weil er inzwischen nichts mehr taugt, mal ganz abgesehen von der Frage, ob er das je tat? Denkt sich irgendein Computer irgendetwas selber aus? Jedes Computerprogramm basiert auf Annahmen. Vielleicht zunehmend komplexen Annahmen, immer mehr Axiomen, die eben bis heute nicht widerlegt sind. Aber sie sind Modelle. Modelle!

Noch heute, in unserer so globalisierten Welt ist es nicht möglich, dass beispielsweise ein deutsches Entwicklerteam ein Wetterwarnsystem entwickelt, das einfach so ohne hochkomplexe nachträgliche Anpassungen an kulturell verschiedene Nutzergruppen  verkauft werden kann. Noch nichtmal Computerspiele sind kollisionsfrei von Kultur a nach Kultur b zu transportieren.

Saugt unsere Tastatur denn unsere Profildaten unbemerkt aus uns heraus? Oder sind es nicht vielmehr wir selber, die eifrig Profile erstellen bei Xing und Facebook und myspace und Twitter? Kann man wirklich davon sprechen, dass die bösen Maschinen diejenigen sind, die uns berechenbar machen? Frank Schirrmacher hat das selbst bemerkt und nennt das freiwillige Hergeben seiner Daten die Sprenung der Wände unserer Intimsphäre.
Ja und Nein. Denn auch hier gilt wieder: WAS ich ins Netz stelle und damit WIEVIEL ich zeigen will, das habe ich in der Hand. Wieviel und was hineininterpretiert wird, das habe ich nicht in der Hand. Werfen wir kurz einen Blick in das sogenannte RealLife: Da bezahlen wir an der Supermarktkasse ganz analog und ganz banal und drücken der Kassiererin neben den Euroscheinen auch die Paybackkarte in die Hand. Ja! Ich weiß! Die wird mittels Computerprogrammen ausgewertet. Trotzdem: Ganz ohne Rechner gibt es genügend Möglichkeiten, Daten preiszugeben und somit berechenbar zu werden.
Ein anderes Beispiel: Kann der Autohändler, der täglich an meinem Haus vorbeifährt aus der Tatsache, dass ich einen ziemlich alten VW Bus besitze, der demnächst auseinanderfällt schließen, dass ich mir wohl ein neues Auto kaufen muss? Wird er etwas schließen können aus der anderen Tatsache, dass ich mein Zweitauto bei ihm gekauft habe? Wird er weiterhin eine fundierte Wahrscheinlichkeit ausrechnen können, dass er mir einen seiner Neuwagen verkaufen kann? Wie sicher kann er sein, wenn er alle Reparaturen, die er ja an meinem Bus durchgeführt hat zusammenfasst, WANN der Zeitpunkt gekommen sein wird, mir ein Angebot zu unterbreiten? Wird er sich überhaupt sicher sein können, dass ich zu ihm gehe und zu keinem anderen? Wieviele Informationen wird er benötigen, bis er einigermaßen sicher sein kann, dass seine Berechnungen zutreffen? Und wieviel Energie wird ihn das kosten? Hätte er etwas davon, wenn er sich bei Google, so dies denn eines Tages möglich sein wird, mein Bewegungsprofil hinsichtlich des Stichwortes “Autosuche” kaufen könnte? Ich führe das Beispiel an, weil es ein nahes Beispiel ist. Eines, das wenige Variablen zu haben scheint und am Ende stehen wir, obwohl Händler und ich im selben Dorf wohnen und mein Bedarf einigermaßen klar ist, vor einem Wust an möglichen Wendungen.

Andererseits, und da muss ich all den Freiheitsradikalisten widerprechen, ganz falsch ist die zunehmende Interpretierbarkeit eines Einzlenen nicht. Und zwar dann nicht, wenn er mehr und mehr reale, vollkommen computerlose Andockpunkte hat an die Gesellschaft. Die resultieren aus dem Lebensalter und mehren sich, je älter man wird und je mehr Verpflichtungen wir eingehen. Durch Familie, zum Beispiel. Da fallen viele Optionen weg, es gibt weniger Mobilität, andere Determinanten. Je mehr andere Individuen in meinem eigenen subjektiven Handeln berücksichtigt werden müssen, umso weniger Handlungsoptionen habe ich beispielsweise gegenüber meinen eigenen (!) 20er Jahren. Damals hätte ich mein Leben jeden Tag radikal ändern können. Ohne Rücksicht auf Verluste und jeder Lebensberechner hätte in die Röhre geschaut. Nun aber sind Kinder da, die mich in ganz und gar unfreiwillige Beziehung zur Gesellschaft setzen und Dinge von mir verlangen, die meiner persönlichen Freiheit im oben diskutierten Sinne diametral entgegenstehen. Meine Berechenbarkeit wächst. Aber: Schon mein Nachbar kann mich berechnen, wenn er wollte. Die Lehrer meiner Kinder können ziemlich sicher sagen, wann wir nicht in den Urlaub fahren werden.

Um zum Schluss zu kommen: Ich verstehe Herrn Schirrmacher in seiner Überforderung mit all den scheinbaren digitalen Notwendigkeiten, dem Nutzenmüssen all der neuen kleinen Geräte, dem Verstehensollen all der Apps und Widgets und Gadgets und hastenichgesehen. Aber in meinen Ohren, die die Ohren einer Exilantin sind, für die das Internet ein KommunizierenKÖNNEN und eine TeilhabenKÖNNEN und ein InformationenerreichenKÖNNEN darstellt, in meinen Augen klingt es nach einem Lamento ähnlich den Niedergangsebatten in den Jahren des Buchdrucks. Ja, es wird viele geben, die Junkieartig am Netz kleben.
Aber: Wir haben doch die Wahl! Wir könnten ja zwischendurch in den jetzt schön geschonten Wald gehen, oder uns mithilfe der vorher aus dem Internet gezogenen Anleitung für einen Hochbeetkräutergarten mal ein paar Tage analoge Dinge machen, KEINE Geburtstagserinnerungsmeldungen (die sind die Pest, ich will nicht gratuliert bekommen, weil irgendeine Software gesagt hat “die yx hat heute Geburtstag”) in unsere Handys programmieren, dann sehe ich keinerlei Probleme mit der neuen schönen digitalen Welt.
Denn es bleibt doch immer noch meine Entscheidung, wie ich mit mir selbst, meinen Mitmenschen, meinem Hirn und meinen Daten umgehe. Solange es nicht möglich ist, eine präzise und zutreffende Wettervorhersage zu treffen, mache ich mir um die Berechenbarkeit meiner indivduellen Existenz wahrhaftig keine Sorgen. Und wenn es soweit kommt, dann weiß ich wenigstens, dass ich bei Google anrufen kann, wenn ich nicht mehr weiter weiß.

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1 Gedanke zu “ Freiheit trotzt dem Netz ”

  1. [...] Freiheit trotzt dem Netz (denkding.de) [...]

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