Mutter sein, 2010.

5. März 2010
By Frau Stricktier

Frauenthemen, Feminismus – rötere Tücher hätte man sich bei mir garnicht vorstellen können. Aufgewachsen bin ich im katholischen emanzipationsbefreiten Hausfrauenhaushalt, dann in der Obhut katholischer Schulbrüder, im katholischen Dorf, der evangelische Vater Studienrat am städtischen Gymnasium – mein Bücherregal voller Pfadfinderbücher aus den Sechzigern und Karl May. Old Shatterhand war mein role model, Winnetou in weiten Teilen, weibliche Identifikationsfiguren gab es nicht für mich, abgesehen von Wickie, den ich für ein Mädchen hielt. (Als ich die Idee hatte, in ein Internat zu gehen, las ich ein bisschen Hanni und Nanni, auch Bummi oder die Mädels vom Immenhof (hieß das so?)).

Später lebte ich im Internat. Von 14 bis 19 ungefähr. Nach außen hin zwar wieder eine kirchliche Einrichtung, diesesmal evangelisch, innen drin aber eine Schule, die neben Latein und Griechisch vor allem das freie Denken, Eigenständigkeit in der Haltung, Menschlichkeit und vorurteilsfreie Begegnung mit dem Anderen lehrte. Ein Ergebnis dieser Haltung war: Ob mein Mitdiskutant nun männlich oder weiblich war, spielte überhaupt keine Rolle, es sei denn für meine Hormone. Im Ernst: Dass Frausein oder Mannsein irgendwie relevant sein könnte für irgendwas, begegnete mir erst lange nach meiner Ausbildung zur Druckerin (obwohl das ein Männerberuf ist), lange nach meinen diversen Studienversuchen (obwohl die alle klassisch weiblich waren), und lange nach meiner Autorenzeit in Berlin. Es traf mich unvorbereitet und mit aller Heftigkeit. Nämlich mit meiner Mutterrolle.

Als ich schwanger wurde änderte sich mein Blick auf mich – und meinen weiblichen Körper. Vorher stets an der Untergrenze zum Untergewicht, entwickelten sich da Rundungen und Wölbungen, ganz unvermutete Verwerfungen, und gänzlich unerwartete emotionale Gesamtverfassungen.
Gleichzeitig verließ ich ja bekanntermaßen die große Stadt, zog mit dem Mann in ein schwäbisches katholisches Dorf, bekam das Kind. Und noch eins und noch eins. Und da fiel mir auf, ich schreibe das absichtlich so naiv, dass es doch gewaltige Unterschiede gibt zwischen Männern und Frauen. Aber: statt mich benachteiligt zu fühlen, weil ich jetzt abgeschnitten von Cappucchinobars und Multiplexen, getrennt von der Nabelschnur ins Berufsleben, und gänzlich ohne Großelternnetzwerk in einem infrastrukturbefreiten Landstrich saß, gab es ein neues Gefühl in meinem Alltag, nämlich den Stolz, derart basale Dinge zu tun wie Stillen, für das Kind dasein, schönes Essen kochen und hochgeistige Bücher nebenher zu lesen. In meinen Berufsjahren vorher hätte ich mir nie vorstellen können, mich mit den Kochbüchern meiner Großmutter zu befassen, oder mit der Hausapotheke meiner alten Nachbarin. Mein Mann ging zur Arbeit die das regelmäßige Brot brachte und ich habe ganz selbstverständlich von zuhause aus den dünnen Faden in meinen Job nicht abreißen lassen.

Mit den drei Kindern. Ohne Programmatik.

Manchmal aber schlich sich ein Gefühl ein, als wäre mein Leben komplett aud den Kopf gestellt worden, und das meines Mannes nicht. Er ging ja weiter zur Arbeit, ob er nun zu einem oder zwei oder vier anderen Menschen nach Hause kommt, so dachte ich, das ist für ihn gänzlich einerlei. So war es nicht, aber manchmal fühlte ich mich als Serviceeinheit, die kocht, putzt, wäscht und aufräumt – und keiner erkennt das an.

Und das ist der Knackpunkt! Nicht die Erwerbsarbeit, nicht die Hausarbeit. Sondern die fehlende Anerkennung für den Job den man da macht. Die Beziehungsarbeit mit den Kindern sieht keiner, kann man nicht anfassen. Sieben Jahre lang jeden Tag was kochen, meistens passende Klamotten für die Kinder haben, Ohren und Herz für die Kleinen haben – keine Anerkennung. Und das schlimmste? Das schlimmste sind nicht Männer, sondern die anderen Mütter. Will man nicht gern hören, ist aber so. Mütter untereinander erlebe ich als unbegreiflich konkurrent und unsolidarisch, da prallen Lebenshaltungen aufeinander und werden in einer Schärfe diskutiert – da schlackern mir die Ohren!

Warum müssen Gräben aufgerissen werden zwischen Stillerinnen und Fläschchengeberinnen? Kann denn das Vollzeitmuttersein nicht gleichwertig stehenbleiben neben der Mutter mit Vollzeitberuf? Kann es denn wahr sein, dass die Verwendung (der Nicht-Verwendung!) eines Tragetuches zu Diskussionen führt, mit deren Ernsthaftigkeit man früher Kriege entschieden hätte? Muss ich mir als durchaus differenzierte Vollzeitmutter allen Ernstes solcherlei anhören wie unlängst in der taz zu lesen war, ich zitiere: Elisabeth Badinter macht als Verantwortliche des regressiven Drucks auf die Frauen eine “heilige reaktionäre Allianz” von Kräften aus, die sich alle, wenn auch auf unterschiedliche Weise und mit diversen Interessen, auf den Mutterinstinkt und die Natur, respektive natürliche mütterliche Verhaltensweisen berufen: “Das starke Wiederaufkommen dieses Naturalismus, der das altbewährte Konzept des Mutterinstinkts ins Zentrum stellt, sein Loblied auf den Masochismus und die feminine Opferbereitschaft singt, ist die größte Gefahr für die Emanzipation der Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter.”

Weder fühle ich mich in meiner Arbeit mit den Kindern als Masochistin, noch habe ich Kinder bekommen aus einem wie auch immer verstandenen naturalistischen Gedanken. Weder habe ich das Gefühl, mich aufgegeben zu haben, noch fühle ich mich als Familienglucke.

Unbestritten ist aber, dass Frauen die Kinder austragen und gebären (wenn die Kaiserschnittrate weiter steigt, wird man vielleicht bald davon sprechen müssen, dass “Männer Kinder holen”). Und warum erkennt noch nicht einmal eine andere Frau und Mutter an, dass die Familienarbeit mit den Kindern für einen selbst und für alle Beteiligten wichtig und wertvoll ist? Warum gibt es keine erwachsene, selbstverständliche, respektvolle Haltung untereinander für den jeweiligen Lebensentwurf einer anderen Frau?

Gleichberechtigung ja – aber vor allem als Gleichberechtigung für Individuen und deren individuelle Entscheidungen.

to be continued.

3 Gedanken zu “ Mutter sein, 2010. ”

  1. Momo on 5. März 2010 at 13:37

    Danke für den Denkanstoss. Ich lebe zwar nur in einer langjährigen Partnerschaft, keine Kinder, kein Ehering, aber meine Freundin studiert. Bedeutet, dass sie viel zuhause ist (und lernt) und ich tagsüber arbeite und das Geld verdiene. Beim Lesen habe ich mich selbst hinterfragt, inwiefern ich ein Abendessen oder ein frisch bezogenes Bett, eine aufgeräumte Küche, abgespühltes Geschirr und all die anderen “Kleinigkeiten” als selbstverständlich ansehe oder inwiefern ich dafür Anerkennung zeige.

    Wenn ich heute Abend nach Hause gehe, werde ich das mitnehmen und darauf achten, der Frau, die neben dem Studium und ihrem (mittlerweile) Nebenjob noch den Haushalt bei uns macht, genug Dankbarkeit und Anerkennung zu zeigen.

    Nochmal Danke für den Denkanstoss.

  2. Frau Stricktier on 5. März 2010 at 13:52

    kurz noch zur verdeutlichung: ich meinte mit der fehlenden anerkennung nicht (nur) die der entsprechenden partner. sondern eine globalere, gesellschaftliche. DORT wird die arbeit nämlich nicht anerkannt, stattdessen fordern alle gemeinsam die erwerbstätige mutter. (der herr stricktier ist übrigens ein sehr netter und vor allem sehr einsatzbereiter vater.)

  3. Momo on 5. März 2010 at 15:37

    Ja, auch. Aber ich denke, wenn das in den Köpfen der Gesellschaft ankommt, ist das gesellschaftlich auch anerkannt. Das Schlagwort lautet dann: “Aber selbstverständlich!”

    Insofern kann jeder von uns (Männern) etwas dafür tun und es auch nach außen tragen.

mitdenken?

Comments links could be nofollow free.