Gewalt gegen Kinder
Das denkding heute ganz ernst. Wie jeder weiß, bin ich keine Fachfrau auf psychologischem Gebiet, wohl aber mit Augen und Ohren und einer eigenen sehr bewegten Biografie ausgestattet. Es sei mir also verziehen, wenn ich für meine Meinungsäußerung hier unter Umständen nicht exakt die richtigen Fachtermini gefunden habe.
Das Thema springt mich auf allen Kanälen an. Twitter, Foren, Blogs, print. (TV wäre sicher auch dabei, so ich denn einschalten würde.) Die Rede ist von sexueller Gewalt an Kindern. Momentan sind die Tatorte katholische Internate, vorwiegend mit Fällen aus den 60er und 70er Jahren. Erstaunlich ist in meinen Ohren, die ich mich mit dem Thema immer wieder auseinandersetze die Tatsache, dass von den Opfern weit häufiger von “brutalen Prügelstrafen” und ähnlichen Misshandlungen berichtet wird, als von eindeutig sexuellen Handlungen.
Ich schreibe hier von Tätern in der männlichen Form, obwohl mir durchaus bewusst ist, das Missbrauch an Kindern zu einem nicht geringen Teil von Frauen verübt wird. Das hier auseinanderzuhalten und sprachlich kenntlich zu machen, erscheint mir aber zu komplex. Lieber schreibe ich dazu einen weiteren Text.
So sehr ich mit meinem ganzen Mitgefühl auf der Seite der Opfer bin, so sehr dränge ich darauf, die Täterseite zu beachten. Denn: sollen solche Taten in Zukunft verhindert werden, MUSS man so genau wie möglich über die Täter (und Täterinnen) und deren Biografie Bescheid wissen. Mit Erklärungeversuchen wie “angeborener Pädophilie” kommt man, zumindest was die oben angesprochenen Misshandlungen anbelangt, nämlich keinen Schritt weiter.
Täter werden zu Tätern, wenn sie selbst Opfer waren. Das Bedürfnis nach Machtausübung resultiert aus eigenem Ohnmachtserleben. Machtausübung wiederum hat rasch sexuelle Färbung, so dass schon das “im dunklen Keller einsperren” (ein gängiges Bestrafungsritual auch außerhalb von Klostermauern) für die Machtausübenden eine sexuelle Handlung sein kann.
Woher aber kommt das?
Unstrittig ist die Konzeption der schwarzen Pädagogik. Willen zu brechen und Demut und Gehorsam gegenüber Erwachsenen einzuüben sind erklärte Ziele – furchtbares Vokabular, aber noch bis in die 70er Jahre hinein weit verbreitet.
Menschen, die in den 60er Jahren Lehrer an katholischen Schulen waren, sind wiederum von Menschen erzogen worden, die im vor-vorigen Jahrhundert geboren sind und mit Sicherheit in weiten Teilen entsprechend der oben erwähnten pädagogischen Vorstellungen erzogen wurden. Die beiden Weltkriege, Erlebnisse als Soldat, und wenn nicht, dann als Kinder, die den Krieg erlebt haben – eine Fülle an hochtraumatischen Situationen, die unbearbeitet mit Sicherheit dazu beigetragen haben, gegenüber hilflosen und ausgelieferten Kindern gewalttätig zu werden. Die katholische Kirche mag dafür durch ihre strikten Moral- und Wertvorstellungen einen Rahmen geboten haben – im Katholizismus begründet sind die Verbrechen jedenfalls nicht.
Außerdem kommt es nicht selten vor, dass Opfer von Missbrauch und Misshandlung genau dann LehrerIn oder ErzieherIn werden, weil sie das Gefühl haben, sie seien besonders geeignet für den Umgang mit Kindern, weil sie durch ihre eigenen Erfahrungen sensibilisiert sind. Was diese Menschen jedoch nicht beachten ist, dass sie (unbearbeitet!) gerade durch ihre eigenen Erfahrungen prädestiniert sind, zum Täter zu werden. Eine Paradoxon, sollte man denken.
Jedoch: Kinder die Ablehnung erfahren haben oder eine Erziehung erleben mussten, die mehr einer Dressur gleichkam als einer Begleitung hin zu einer freien Persönlichkeit, haben eine extrem niedrige Frustationsschwelle. Stoßen sie in Erziehungssitiuationen auf “bockige”, “störrische” oder “widerständige” Kinder (um im Vokabular zu bleiben), gehört ein großes Maß an persönlicher Festigung, Kenntnis der eigenen Geschichte, Reflektion und Verständnis für psychische Prozesse dazu, um in diesen Triggersituationen eben nicht zum Täter zu werden.
Es sind Menschen, die Kinder misshandeln, keine Institutionen.
Eltern die ihre Kinder schlagen, sind selbst geschlagen worden. Mütter können beispielsweise gegenüber ihren “nicht folgsamen” Kindern dieselben Ohnmachtsgefühle entwickeln, die sie ihrem misshandelnden Elternteil gegenüber hatten – und wehren sich im Hier und Jetzt gegen den Misshandler – schlagen aber die Kinder. Ich glaube, dass jede Mutter und jeder Vater an Grenzen gekommen ist und in Verfassungen geriet, die er oder sie niemals für möglich gehalten hat. Niemand kann das abstreiten. Ich bin übrigens auch gar nicht so sicher, dass tatsächlich weniger Kinder geschlagen werden, das geschieht eben heimlich und zuhause, auch wenn es dort genauso strafbar ist wie auf offener Straße.
Menschen, die sich selbst keine Fehler zugestehen können, können Kindern keine Fehler durchgehen lassen. Menschen, die nicht geliebt wurden und sich selbst nicht annehmen, können Zurückweisung von Kindern nicht richtig einordnen. Menschen, die keine innere Freiheit haben, können Kindern keine inneren Freiheiten und Überzeugungen zugestehen. Menschen, die “funktionieren” mussten, können Ungehorsam von Kindern nicht ertragen.
Um also körperliche und sexuelle Gewalt an Kindern zu verhindern, müssen wir uns alle nach unseren Erziehungsnormen fragen. Wir müssen uns fragen, was wir mit welchen Mitteln erreichen wollen, warum wir zu welchen Mitteln greifen und welche Wirkung wir uns erhoffen. Jeder der erzieht muss sich mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzen und da hinsehen, wo es wehtut – bevor wir unsere Kinder misshandeln.
wow …
das war viel zu lesen und ich für mich denke dass du vollkommen recht hast. das ist doch wie mit dem amoklauf in winnenden, ich weiss noch wie alle (meist sehr kirchliche menschen) anfingen zu plärren, wie böse doch der junge ist und was er seinen eltern angetan hätte! hallo? was ist denn in der erziehung und im elternhaus gewesen dass ein junger mensch überhaupt zu so einem amokläufer wird?
genauso ist es mit pädophilen oder gewalt generell, es ist absolut keine entschuldigung, wenn man als mutter oder vater sein kind schlägt nur weil man selbst vllt geschlagen worden ist, aber es ist eine erklärung. vllt auch ein ansatz genau dort einzuhaken.
oft ist es aber auch ein gesellschaftliches problem dass viele menschen einfach wegschauen. wir oft heisst es nach einem verbrechen , oh irgendwas stimmte doch nicht mit dem oder wir hatten ja schon immer so ein gefühl, aber den mund aufmachen tun die seltensten.
liebe grüsse
sandra