Eine kurze Liste der Zeit

19. April 2010
By Frau Stricktier

Vor 2 oder 3 Jahren etwa hatten der Gatte und ich eine eherettende Idee.

Wir hatten 3 kleine Kinder (damals 0,5, 1,7  und 3 oder so in etwa) und es ging darum zu ermitteln, wer von uns wieviel Zeit in Erwerbstätigkeit investiert und wieviel Zeit das bisschen Haushalt so frisst. Wir lebten damals das klassische Modell “ich koche” und Gatte “geht arbeiten”. Ich begriff mich als Mutter mit allem, was da eben dazugehört. Aber höchst unverstanden und höcht unanerkannt fühlte ich mich auch. Aus diesen Gründen:

(1) Ich war alleine mit allen Haushalts- und Mutteraufgaben. Keine Oma, keine Schwestern, Tanten, Cousinen.
(2) Gatte arbeitet Schichtdienst in einer Psychiatrie.
(3) Ich stillte die Kinder jeweils eine ganze Weile.
(4) Das mittlere Kind schlief sozusagen nie. Vor allem nicht nachts.
(5) Nach durchwachter Nacht schleppte ich mich durch den Tag mit den Kleinen, ohne Aussicht auf Pause.
(6) Es gab weder Kohle noch Küsse für dieses Engagement.

Und das schlimmste: Trotz aller Beteuerungen und Emanzipiertheit und Karriere als Freiberuflerin: Ich konnte mich (aus guten Gründen!) nicht davon freimachen, dass es wichtiger sei, dass Gatte ausgeschlafen zum Dienst geht (sei es tags oder nachts) als dass er mir nachts die Kinder abnimmt. Tagsüber schlafen musste er während der Nachtschicht, nachts schlafen für die Frühschicht. ICH hätte niemals unausgeschlafen meinen Job machen wollen, so dachte ich, und ich hätte ihn auch nicht machen können. Und ich wollte nicht, dass er vor lauter Müdigkeit irgendwo gegen einen Baum fährt. Stillen konnte er ja nicht und das K2… nun ja. (Wie sich später rausstellte, als wirklich gar nichts mehr ging, schlief sie am allerbestens, wenn sie beim Papa liegen konnte und der möglichst laut neben ihr schnarchte….muss man aber erstmal draufkommen).

Wie oft fiel in dieser Zeit der unsägliche und tretminenhafte Satz: “Du siehst mich nicht”.

Ich war also an meinem Unglück irgendwie selber schuld. Was es nicht besser machte. Wirklich nicht. Der Gatte tat stets, wie ihm geheißen, er brachte Müll weg, kaufte ein, suchte den dörflichen Spielplatz heim. Schonen wollte ich ihn dennoch.  Und da fiel bei mir irgendwann der Groschen: Gatte hat ja Kollegen! Wenn er hundemüde durch den Tag schlurft, sind da 2 oder 3, die ihm helfen können. Und da dachte ich um. Nicht mehr seine Nerven (und die seiner Patienten) mussten geschont werden, sondern meine. Ich habe ungefähr 4 Jahre am Stück nicht richtig geschlafen, was irgendwann an die Substanz geht, da ich das ja nie nachholen konnte. Für mich war er das einzige andere Teammitglied – um mich, das Haus und die Kinder zu versorgen.

Und da fiel uns was Geniales ein. Ich bat den Gatten, einmal aufzuschreiben, welche Tätigkeiten ER  im Haus wieviele Minuten am Tag ausübt. Und was er denkt, wie lange ICH bestimmten Tätigkeiten nachgehe. Welche Tätigkeiten das sind, war nicht definiert, das musste sich jeder selber denken. Es ging mir um die Sichtbarmachung seiner und meiner Arbeit, unserer Handgriffe. Auch um sich selbst bewusst zu werden, was man da eigentlich leistet. Oder könntet Ihr ohne nachzudenken sagen, “ich weiß, was ich wie lange am Tag mache?”.
Zu unserer völligen Verblüffung stimmten seine Vermutungen über meine Tätigkeiten und meine einigermaßen dokumentierten Zeitangaben fast völlig überein!  Mit einem Schlag standen seinem für so groß und wichtig eingeschätzen Dienst inklusive Fahrzeiten meine 13 Stunden Familiendienst gegenüber. 9 Stunden gegen 13 Stunden. Daraufhin übernahm er die Wäsche für eine Weile und das Einkaufen für immer und ich fand wieder zurück ins Lesen und vor allem ins Schreiben.

Das Wichtigste abseits der Zahlen war aber dieses: Er sah mich also sehr wohl. Ein Gefühl, das uns noch heute über manche Eheunebenheit hinweghilft.

Und weil sie mir grad in die Hände fiel, ohne weiteren Kommentar hier meine historische Minutenliste eines normalen durchschnittlichen Tages mit den damaligen 3 Minikindern. Die saisonalen Arbeiten sind nicht extra für Sommer und Winter aufegteilt, aber wie sich jeder denken kann, fällt zwar der Garten weg, dafür muss ich viel länger Kinder anziehen, trocknen, mehr Schneeschippen, Autos freikratzen etc.:

Kinder 5,5 h
30   anziehen und wickeln morgens
15   Frühstücken
10   Vesper richten für den Kindergarten
10   Klamotten zusammensuchen und anziehen (im Winter länger)
30   Kindergarten abholen und hinbringen
30   Mittagessen in die Kinder verteilen
30   bis alle Mittagschlaf machen
90   Beschäftigun g, wöchentliche Spielgruppe heruntergerechnet
30   Rausgehen
30   Abendessen
25   bis alle abends schlafen

Haushalt  6,35 h
10   Betten machen
5     alle Fenster auf und zu machen (Schimmel)
4     Müll rausbringen
10   Feuer machen (Zentralheizung)
5     Holz nachlegen
7     Feuer machen in der Küche
60   Küche aufräumen (für den ganzen Tag zusammengefasst)
50   Wäsche machen, inklusive auf- und abhängen
10   Bügeln
50   Putzen (wobei alles Hinterherwischen eingerechnet ist)
60   Einkaufen
50   Aufräumen
60   Essen zubereiten

Logistik 0,5 h
Banken
Versicherungen
allgemeine Planungen
Post
wokriegichwelchesachengünstigfürdiekinderher?
Arztbesuche
Abrechnungen
Haushaltsbudgetverwaltung

Saisonale Aufgaben 1,23 h
10   Rasenmähen
5     Beerengarten/Obstbäume
30   Gemüsegarten
5      Holz machen
5     Fenster putzen
5     Hof aufräumen
1     Straße fegen
5     Schnee schippen
1     Mülltonne an die Straße
5    Vögel versorgen
2    Autos warten

13,58  h ohne Pause, ohne Telefonate, ohne Mails zu checken, ohne Gespräche mit der Nachbarin, ohne ein Buch gelesen zu haben. Bleiben bei 6 h Schlaf noch jede Menge Zeit für „Spaß“. 4,42 Stunden nämlich. Fast ein halber Job also. Warum stellen wir Mütter uns eigentlich so an?

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10 Gedanken zu “ Eine kurze Liste der Zeit ”

  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von katarine kleinkram und stricktier, RiotMango erwähnt. RiotMango sagte: RT @stricktier frau stricktier hat ihre ehe gerettet. http://www.denkding.de/?p=1912 #toll ! [...]

  2. gernodgammler on 19. April 2010 at 22:11

    @stricktier berührt mich heftig, arbeite auch in der Psychiatrie, 6 Kids, 2 angenommene, Ehe gescheitert, haben uns nicht genug Zeit eingeräumt. Jetzt gehts, 6 Enkel

  3. Frau Stricktier on 19. April 2010 at 22:25

    ich denke, zeit füreinander ist das wichtigste in einer beziehung. seien es nur 5 minuten am tag, aber 5 minuten, die man sich in die augen sieht, wo man spürt, der andere ist da und hört zu.
    die arbeit in der psychiatrie und all das, was dadurch mit in die beziehung und die familie schwappt, was man da als partnerin mittragen muss – das ist ein ganz eigenes thema.
    alle menschen, die diesen job machen, haben meine ganze ganze hochachtung. meine belastungen sind ja inzwischen vorbei, die kinder sind größer – aber der job ist derselbe geblieben.

  4. uberVU - social comments on 20. April 2010 at 03:39

    Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by stricktier: frau stricktier hat ihre ehe gerettet. http://www.denkding.de/?p=1912...

  5. [...] sie ihre Ehe gerettet hat, erzählt frau stricktier im [...]

  6. Nicole Rensmann on 4. Mai 2010 at 09:46

    Ich habe mich in deinem Beitrag wiedergefunden … leider. :-) Vermutlich geht es vielen freiberuflichen Müttern so, nur haben nicht alle einen so “sehenden” Partner! Schön, dass ihr deine Unzufriedenheit durch die einfachste Art der Welt – Reden – hinbekommen habt.

    Alles Gute, Nicole

  7. Daniela on 4. Mai 2010 at 10:08

    Ein schöner Artikel, und so wahr. Ich habe mir das nie ausgerechnet, aber so ähnlich wird es gewesen sein. Nun sind die Kinder zum Glück größer und werden langsam selbstständig, das macht viel aus. Die Bügelwäsche wird trotzdem nie weniger. Und nur eine halbe Stunde für Logistik? Ich habe zumindest das Gefühl, mit meiner ein-Kind-ist-immer-krank-Familie Jahre meines Lebens in Wartezimmern verbracht zu haben …

  8. nubyra on 28. Juli 2010 at 20:46

    Mittlerweile ist August. Das ist einer dieser zeitlosen Artikel, in denen sich fast alle wiederfinden, die Kinder haben. Diese Ohnmacht und Kraftlosigkeit, wenn man mit allem allein steht. Ich nahm auch immer Rücksicht auf meinen (nun Ex-)Mann. Das er nach so einem stressigen Tag auch ja seine Ruhe hat. Alles sollte erledigt sein, wenn ich doch ohnehin zu haus bin. Nachts sollte er seine Ruhe haben, schliesslich kommt ja auch der nächste stressige Tag für ihn. Wir haben auch drei Kinder und ich den jahrelangen Schlafentzug. Völlige Erschöpfung inklusive. Man redet sich ein, dass man sich vielleicht Mittag mit hinlegen kann, aber das passiert nicht. Leider hab ich zu spät begriffen, dass ich fast alles tat und er “nur” auf Arbeit war. Das mein Job 24/7 und seiner 10/5. Verständis für seinen Job. Schuldgefühl, ihn auch mal zur Gartenarbeit zu zwingen oder mit Kindern und Hund zu gehen, wo er sich doch erholen müßte. Alles zu spät begriffen. Und ausgetauscht worden. Gegen jung und dynamisch. Das alte Klischee. Ich bin froh, dass ihr es gepackt habt und auch froh und dankbar für eure Idee. Ich finde mich nähmlich gerade in meiner besten Freundin wieder und das macht mir Angst. Danke Dir für diesen wunderbaren Artikel!
    Eileen

  9. Frau Stricktier on 28. Juli 2010 at 21:27

    @nubrya
    wir sind in der zwischenzeit umgezogen, mit allem was dazugehört. neuanfang, neustart, – und neuauflage mancher problematik. ich habe selbst meine eigenen texte hervorgekramt um zu sehen, wie wir es beim anderen mal gemacht haben…. es hat geholfen. es sind immer wieder dieselben klippen, und zu sehen und spüren zu können, manchesmal zwischen den zeilen, dass andere in ähnlichen situationen sind, oder situationen ähnlich sind, wenn auch nicht immer ohne schmerzen lösbar, das hilft auch mir sehr. ich bin sehr berührt von dem was du schreibst.

  10. Freiheit | DENKDING on 28. August 2010 at 22:03

    [...] Bedenkenswert sind allerdings ihre Thesen zur Abschaffung der Gleichberechtigung innerhalb der Partnerschaft durch die Frauen selbst, weil sie die Väter nicht genügend einbinden in die Aufgaben mit Kindern und Haushalt. Kann man darüber reden. (Ich hatte dazu schon einmal etwas geschrieben). [...]

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