Spidermen und Lillifeen
Heute bin ich bei @textzicke im Blog über ihren Artikel zum PONS Diktateheft gestolpert. Es geht kurzgefasst um Lernmaterialien, die nach Geschlechtern unterscheiden, sprich, sich gezielt entweder an Jungs oder an Mädchen richten. So weit. So schlecht?
PONS stellt sich im Netz und wohl auch bei einer offline-Veranstaltung, der Kritik, was ich besonders gut finde. Gespannt bin ich aber auf die Ergebnisse, denn ich denke nicht, dass es zu dem auf den ersten Blick klaren Empörthema ein homogenes Resultat geben kann. Auf taz.de entbrannte die Bildungs- und Gender-Diskusion entlang der altbekannten Grenzen, wobei besonders interessant ist zu sehen, ob die Kommentare von Eltern oder Nicht-Eltern stammen. Antje Schrupp formuliert wunderbar, was in meinen Augen dazu zu sagen ist, der Einfachheit halber stelle ich ihren Kommentar auf textzickes Blog direkt hier ein, Hervorhebungen sind von mir, damit ich mich nicht wiederholen muss:
[...] Frauen werden “männlicher”, Männer werden “weiblicher”, war damals die Prognose. Tja, offenbar ist es ganz anders gekommen. [...] Ich glaube, dass es ein Fehler war, wenn wir unsere ganze Hoffnung auf die “Dekonstruktion” oder “Abschaffung” der Geschlechter gesetzt haben. Das führt nämlich für die realen Menschen zu der paradoxen Situation dass sie zwar noch Männer oder Frauen sind (die meisten jedenfalls), aber es keinen Sinn mehr hat (oder haben soll), von Männern und Frauen zu sprechen. Und dann rettet man sich in Klischees. Meiner Meinung nach ist das also auch eine Folge davon, dass wir es vernachlässigt haben, jenseits von Klischees über einen freien Sinn und eine freie Bedeutung der Geschlechterdifferenz nachzudenken und zu sprechen.
Besonders die letzten beiden hervorgehobenen Sätze bringen es für mich auf den Punkt. Schulmaterialen begegnen uns nach 1968 geborenen und damit spätestens in der Pubertät mit (vordiskutierten) Frauenfragen konfrontierten Damen meistens dann, wenn die eigenen Kinder in die Schule kommen, also rund 30 Jahre, nachdem wir selber in die 1.Klasse kamen. Während wir als Mütter also ein Stück des Weges gegangen sind, stehen unsere Töchter und Söhne noch ganz am Anfang. Und was machen die? Damals wie heute haben Kinder einen Begriff vom Unterschied zwischen “der Lea-Sophie” und dem “Jonas-Alexander”. Genau wie wir damals setzen sich Mädchen nicht zu unbekannten Jungs in die Bank und umgekehrt. (Mein Herr Sohn ist da vielleicht eine Ausnahme). Auf dem Schulhof üben die Mädchen die Tänze aus der Ballettstunde von gestern, auch die, die nicht in den Ballettunterricht gehen, und die Jungs spielen Fangen. Und?
Genau wie damals gibt es in den Mädchengruppen knallharte Hierarchien. Vor ein paar Tagen twitterte jemand über die My melody Parfümstifte. Das hat mich jäh erinnert an die soziale Realität in der 5.- bis 8. Klasse. Die Unterschiede zu den Jungs nimmt man hin. “Die Jungs” nimmt man wahr als eine irgendwie existierende Gruppe, oder als Phänomen. Auf keinen Fall als Ansammlung von Individuen. Okay, es gab eine Ausnahme, das war Dominik G., der mir in der sechsten Klasse eine BON JOVI Kassette verkauft hat. Diesen Namen hatte ich von jenem Tag an mit einem Gesicht verbunden. Er sah außerdem ziemlich gut aus.
Wesentlich schmerzhafter sind die Erfahrungen, die man mit den anderen, doch angeblich so gleichen Mädchen macht. Anführermädchen sind davon eher nicht betroffen, aber wehe man kam mit dem Musik-/Klamotten-/Jungs-/MakeUp-/Bücher-/Fernsehgeschmack der anderen Girls nicht klar. Oder man war körperlich irgendwie antizyklisch dran in der Entwicklung. Zwischen 10 und 14 waren DAS für mich die bitteren Erfahrungen. Ausgegrenzt zu sein aus der sozialen Gruppe, zu der ich irgendwie zählen sollte. Ich hatte von zuhause aus keinen Zugang zu rosaroten Glitzerstiften, oder zu den ganzen anderen Mädchensachen, die es damals gab. Meine überhaupt nicht frauenbewegte und vollkommen unpolitische Mutter hielt davon nichts, und damit basta. Taschengeld durfte dafür nicht verwendet werden und so stand ich hunderte Male in der CityPapeterie vor den schwarz-türkis gemusterten Tassen, den Einbandpapieren in Regenbogenverlaufsfarben und den ganzen Stiften und Mäppchenaccessoires, die die anderen Mädchen hatten. Meine Freundinnen waren “das dicke Mädchen” und “das andere dicke Mächen”. Die eine ist übrigens inzwischen irgendeine Koryphäe unter den Biochemikern, die andere erfolgreiche Erbin einer Brauereidynastie.
Mit 14 ging ich auf ein geschlechtsgemischtes Internat, wo lauter eher verschrobene Kinder zusammen kamen, alle froh darüber, plötzlich nur noch einer unter vielen zu sein, und kein Außenseiter mehr. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. Fest steht aber: Trotz Mädchenschlaftrakt und Mädchenbetreuerinnen gab es im Unterricht und in den Anforderungen, die an uns gestellt wurden, keine Unterschiede.
Sicher spielt mein ganz persönlicher Lebenshintergrund eine Rolle für meine Ausgrenzungserfahrungen. Aber heute, wenn ich meinen Sohn zur Bushaltestelle begleite, schon wenn ich den Kindergarten betrete, empfinde ich dieselbe bleierne Sozialhierarchie, die nicht zwischen Jungs und Mädchen unterscheidet, sondern nach der Herkunft.
Ich denke, wir Eltern brauchen eine klare Haltung zur Genderfrage, noch besser aber einen klaren Blick für die Bedürfnisse jedes einzelnen individuellen Kindes. Wir müssen den Kindern zugestehen, auch in dieser Frage lernen zu dürfen. Denn genauso wie sie erst noch rechnen lernen müssen (und es nicht bereits können, nur weil wir es gelernt haben), müssen sie in solch ein umfassendes Thema hineinwachsen. Wir müssen abwägen, ob es besser ist, den 3jährigen Prinzessinnensohn mit der Erfahrung zu konfrontieren, dass die anderen Jungs über ihn lachen, oder der Erfahrung, dass er aus für ihn nicht begreiflichen Gründen nicht als Prinzessin gehen darf. Wir müssen eine Antwort haben, wenn die Söhne fragen, ob das Leben auch für sie Pipi Langstrumpf Aspekte haben kann, oder ob es auf ewig der dauerüberforderte Wickie sein muss.
Wenn also die geschlechtsunterschiedenen Lernmaterialien dem einen Jungen einen leichteren Zugang zur deutschen Grammatik verschaffen, warum nicht? Wenn die geschlechtsunterschiedenen Materialien den realen Unterschieden differenziert gerecht werden, warum nicht? Wenn es allerdings dazu führen kann, althergebrachtes unreflektiert zu übernehmen (und mir als Mutter die ganze Arbeit überlässt, dieses Zeug aus den Köpfen meiner Kinder wieder zu entfernen), dann ein klares Nein.
… und ich dachte immer Wickie sei ein mädchen ….
aber mal im ernst, netter Text, ich selber bin keine Mutter aber ich kenne halt ne menge von denen, und schliesslich hatte ich ja auch eine
unter den Frauen/Mädchen …
Und die war zwar für alles offen .. allerdings hatte ich gar kein bedürfniss dazu Dazuzugehören oder schlimmer noch : irgendwelche glitzerstifte zu benutzen.
Aber – und genau das bringt mich dann zum nachdenken – wollten immer alle eher so ein wie ich .. also eben nicht Make Glitzerstiftchen sondern eher die “Kernigen” und vorallem unabhängigen von irgendwelchen Trends und Moden
Ja früher war eben alles besser – auch das Wetter
In diesem sinne danke für den Denkanstpß und die erinnerungen an meine Jugend (`74)
am ende führt uns der lehrmittelwahn noch zu personalisierten lesebüchern. erstellt aus den datenbanken, die von der geburtsstation über die kita und den kindergarten von fachpersonal mit allen erfassbaren informationen gefüttert werden. (die datenbanken! nicht die kinder. wo kämen wir denn da hin.) damit das kind ganz präzise da abgeholt werden kann, wo es gerade steht.
[...] RT @stricktier: zu dieser gender sache gebloggt, http://www.denkding.de/?p=966, wegen @textzicke + @antjeschrupp + den anderen mädchen hier. [...]
[...]Wie im Blog schon angekündigt, möchten wir von PONS uns gerne den Fragen stellen, warum wir den neuen Weg eingeschlagen und unterschiedliche Übungsbücher für Mädchen und Jungs ins Programm genommen haben, und laden am 3.11. um 12 Uhr alle Interessierten ein zu einer Online-Diskussion via Live-Streaming[...]