Keine Links, keine Leser.

Toll. Jetzt soll am Freitag noch eben das Leistungsschutzrecht in die zweite und dritte Lesung. [update: Links siehe unten]

Leistungsschutzrecht? Ist das nicht das, was die komischen Leute im Internet bescheuert finden? Oder das, was die Presseverlage so unbedingt haben wollen? Beides ist wahr, nur leider wollen viele im Internet sehr gerne erleben, wie die Verlage gegen die Wand fahren, und protestieren nicht sehr laut. Weil ihnen Verlage mehr oder weniger Wurscht sind. Weil sie eh keine Zeitungen mehr lesen. Konnte man letzthin in einer lesen. Weil sie vor lauter sich an den Kopf fassen zu nichts anderem mehr kommen. Weil sie letztlich den Verlagen helfen würden, sie vor ihrem eigenen Unheil zu bewahren, und so altruistisch sind wirklich die wenigsten.

Was auf den ersten Blick prima klingt, dass da eine Leistung beschützt werden soll, ist auf den zweiten schlicht Unfug. Natürlich kann man Texte schreiben. Und sie dann gratis ins Netz stellen. Man kann auch Werbung danebenkleben und sich freuen, wenn sie ganz ganz oft gesehen wird von den Lesern. Und dann kann man, ich weiß nicht wie, auf die Idee kommen, denjenigen, der einem die Leser erst schickt, genau dafür zur Kasse zu bitten! Weil derjenige, man weiß nicht wie, irgendwie viel mehr Geld verdient in diesem Internet und das geht ja so gar nicht.

Dann geht man zur Regierung und will beschützt werden. (Ich kenne so ein Verhalten, aber aus der Sandkiste auf dem Spielplatz). Dann sagt man: du, das Google benutzt in seinen Links aber Texte, die wir geschrieben haben. Und irgendwie sind die am Ende reich und wir nicht. Mach was.

Was nicht in meinen Kopf geht ist: warum machen das Journalisten mit? Autoren? Wollen die etwa keine Leser haben? Ausgerechnet in Zeiten, in denen man auch mal einen 50er angeboten bekommt mit dem Hinweis, sich den Rest dann über das VG-Wort-Zählpixel zu holen? Von bezahlter Zweitverwertung sowieso zu schweigen?

Haben Journalisten etwa Geheimverträge, die ihnen das doppelte Gehalt ab Tag 1 nach Inkrafttreten des LSR zusichern? Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie nicht schon längst reihenweise in Streik getreten sind.

[update 28.02: inzwischen gibts was Neues, nämlich eine Pressemitteilung des DJV, die Journalisten sind jetzt doch auch gegen das LSR]

Der Niedergang der Printzeitungen hat doch wahrlich nichts damit zu tun, dass in sozialen Netzwerken fleißig auf ihre Werke hingewiesen wird (sondern z.B. damit, dass ich letzte Woche 17 Kilometer fahren musste, um an eine FAZ zu kommen, morgens um 10 Uhr in einer Stadt mit 20.000 Einwohnern.)
Er hat damit zu tun, dass niemand auf Verlagsseite vor ein paar Jahren die Relevanz ebendieser Netzwerke richtig eingeschätzt hat. Wir paar Internetheinis sind aber diejenigen, die ganz beharrlich sehr wohl wissen wollen, was “in der Zeitung” steht, und jetzt sollen wir auch noch vergrault werden.

Dabei sind wir es, die sogar noch dafür bezahlen würden. Wenn sich die Zeitungshäuser auf ein Modell einigen könnte, das “zahl einmal – lies alle” heißt. Heute will ich z.B. alles zu Pferdelasagne lesen. In der ZEIT, in der FAZ, in der SZ und vielleicht noch in meiner Lokalpresse. Aber ich kaufe mir doch nicht über Tage hinweg für mehr als 10 Euro alle diese Ausgaben! Ich klicke mich durchs Netz, teils mit händisch eingegebenen Adressen. Nicht mal über Google. Ich würde sehr gerne dafür bezahlen, mich durch diese Seiten klicken zu dürfen, wenn es denn eine Möglichkeit geben würde, und nicht ein einzelner Archivartikel einer einzelnen Zeitung plötzlich soviel kostet wie die halbe ganze Ausgabe.

Und was sagen denn eigentlich die Anzeigenkunden? Die freuen sich mit Sicherheit ganz besonders darüber, wenn das LSR kommt, weil sie dann endlich ganz sicher wissen, wohin sie ihr Geld nicht mehr zu tragen brauchen: in die Kässchen derjenigen, die alles dafür tun, um nicht mehr sichtbar zu sein.

Mehr von mir dazu hier http://www.denkding.de/tag/leistungsschutzrecht/

[edit:] mehr von anderen dazu

Stefan Niggemeier: Lügen fürs Leistungsschutzrecht (4)

Sascha Lobo: Die Eigentorheit der Verlage

und netzweite Verwunderung über die neuesten Entwicklungen (26.02.2012 nachmittags) hier:

http://www.heise.de/newsticker/meldung/Schwarz-Gelb-aendert-Presse-Leistungsschutzrecht-1811304.html

http://leistungsschutzrecht.info/news/2013-02-26/bericht-leistungsschutzrecht-soll-ohne-snippets-kommen

http://www.neunetz.com/2013/02/26/zickzack-leistungsschutzrecht-ohne-snippets/

 

7 Kommentare

  • Na dann verlinken wir eben keine Zeitungen mehr, sondern nur noch Blogs. Schade ist es nur um die Journalisten, die dann mit pleite gehen. Der Journalismus hat übrigens mittlerweile ein Nachwuchsproblem, sagte mir unlängst eine Redakteurin mit langjähriger Berufserfahrung. Das ist leider wenig verwunderlich, befindet er sich wohl immer noch in der Abwärtsspirale, aus der er auch nicht herauskommen wird, solange er sich darauf versteift, den bösen Lesern (=Kunden) die Schuld an allem zu geben.

    Mal sehen, wie viele Wochen sie ohne Leser und ohne Werbeeinnahmen durchhalten. Auch Firmen wie Google reagieren durchaus mal pikiert, so auch in Belgien, wo sie vorübergehend alle Zeitungen eines bestimmten Verlegerverbandes aus dem Index nahmen, was dieser nicht cool fand.

  • Marcel wrote:

    Also ich denke die Idee ist eher, dass google eine kleine “Steuer” zahlen soll, aber nicht soviel, dass die Suchmaschine vergrault wird. Auf die Weise bleibt alles beim alten, nur dass ein kleiner Teil des Gewinns weitergereicht wird. Die 60 Millionen, die google in Frankreich gezahlt hat, sind doch auch nicht viel Geld für den Konzern.

  • [...] wäre das vieldiskutierte Leistungsschutzrecht. Man kann bei der Romanautorin und Bloggerin Pia Ziefle und beim SPON-Kolumnisten Sascha Lobo oder im Notizblog von Torsten Kleinz noch einmal nachlesen, [...]

  • [...] wäre das vieldiskutierte Leistungsschutzrecht. Man kann bei der Romanautorin und Bloggerin Pia Ziefle und beim SPON-Kolumnisten Sascha Lobo oder im Notizblog von Torsten Kleinz noch einmal nachlesen, [...]

  • @Marcel: Sehen wir es doch mal so – Google kann nicht ohne Content, aber die Content-Hersteller können auch nicht ohne Google. Wenn Du das jetzt deutsch-typisch übergerecht machen willst, muss Google für jeden angezeigten Treffer bezahlen, der Seitenbetreiber für jeden von Google aus angesteuerten Link. Man kann sich den Zauber auch einfach sparen, und alles bleibt wie es ist.

    Seitenbetreiber können heute schon per robots.txt Google abwehren oder das Anzeigen von zusammenfassenden Text-Schnipseln unter den Treffern unterbinden.

    In meinem (werbefreien) Blog ist Google auf alle Fälle laut Webalizer-Auswertung die Nummer Eins unter den Referrers und viele ältere Beiträge würden nie aufgerufen werden, würden sie die Leute nicht über eine Suchmaschine finden.

  • frauziefle wrote:

    Warum bauen denn die Presseverlage keinen eigenen Aggregator? So schwierig ist das doch nicht.
    Könnten sie schöne Werbung platzieren, schöne Klicks bekommen und alle wären glücklich.
    Machen sie nicht, weil sie … warum eigentlich?

    Was ich auch noch nicht klären konnte: bezahlen Zeitungen eigentlich für die teils sehr ausführlichen Presseschauen im Radio? Oder bezahlt das Radio dafür Lizenz?
    Wenn nein, warum nicht?

    und ganz am Schluss die alten Fragen: hat der Sender was davon, eine Band zu spielen? Oder ist es umgekehrt?
    Muss man im TV bezahlen, um auftreten zu dürfen, oder gibt es Gage?

    Wer bringt denn nun welche leistung, und welche Leistung muss gegenüber vor der anderen geschützt werden?

  • Zur alten Frage der Band und des Senders: So weit ich mich erinnere, beschreibt Jürg Häusermann (Prof für Medienwissenschaft in Tü) in seinem Buch “Radio” das als gegenseitiges Interesse. Natürlich brauchen die Sender die Musik, dafür zahlen sie ja auch GEMA, aber die Musiker brauchen auch die Sender. Nur gibt es mittlerweile immer mehr Leute, die sagen: Im Radio kommt ja kaum noch neue, spannende Musik. Damit wird Radio für Bands immer weniger attraktiv, das Verhältnis wird einseitiger zugunsten der Sender.

    Zur Frage, warum die Zeitungsverlage nicht einfach selbst, was die bei Google machen: Man muss einfach sehen, dass Google unglaublich viel Brainpower gesammelt hat. Unabhängig von möglichen Machtverhältnissen haben die einfach die Nase ganz weit vorn. Die machen ja auch nicht nur Geld, die geben es auch massiv aus für gute Leute und Infrastruktur. Das mal kurz nachzukochen, dürfte echt nicht einfach sein. (Für mich als Computerlinguisten, der schon mal eine Suchmaschine entworfen hat, ist das jedenfalls oft nachvollziehbarer als für manch anderen.)

    Aber: Vermutlich fehlt es schon vorher, nämlich an der Bereitschaft der Zeitungsverlage, die Möglichkeiten des Internet auszuschöpfen. Ein Abschied von über hundert Jahren klassischer Papier-Zeitung ist eben nicht so schnell vollzogen.

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